Wir Babyboomer und die Energiewende „Die Babyboomer stellen aktuell und in näherer Zukunft ein Problem dar." Das hören und lesen wir immer wieder. Weil wir so viele sind und weil wir deshalb die Rentenkassen überlasten, die Arztpraxen, die Krankenhäuser, die Alten- und Pflegeheime und was nicht sonst noch alles. Im Grunde genommen können wir nichts dafür, dass wir zwischen 1955 und 1969 geboren sind. Unsere Eltern haben es so gewollt. Damals, nach dem Ende des zweiten Weltkriegs, begann in Westdeutschland der Wirtschaftsaufschwung. Unsere Eltern glaubten wieder an eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Wir Babyboomer konnten wieder zur Schule gehen, eine Lehre anfangen oder studieren. Wir hatten die Gelegenheit, nach der Ausbildung unsere Berufe auszuüben. Die meisten von uns haben die Chance gehabt, ein Leben lang zu arbeiten. Viele von uns sind bereits in Rente gegangen, viele mehr werden in den nächsten Jahren noch folgen. Und übrigens, ohne uns würde es die Generationen X und Y nicht geben. Ein Teil der Babyboomer hat die Gelegenheit gehabt, ein eigenes Haus zu bauen. Im Laufe der Jahre sind viele Baugebiete entstanden. Meine Frau und ich haben Ende der 1980er ein Haus gebaut. Was kümmern uns Babyboomer Umwelt und Klimakatastrophe? Im Grunde gehen viele davon aus, dass uns das egal ist. Wir leben ja nicht mehr so lange. In unserem Baugebiet leben noch viele von denjenigen, die damals gebaut haben. So nach und nach sieht man auf den Hausdächern die Solarmodule. Irgendwann fing einer damit an. Einige haben noch in diesem Jahr hektisch reagiert, weil sich leider die Förderbedingungen ändern. Auch die Anzahl der Elektroautos und der Wallboxen nimmt bei uns im Dorf kontinuierlich zu. Hybride Fahrzeuge sieht man zum Glück recht selten. Leider kann unser E-Auto und unser Wallbox noch kein bidirektionales Laden. Obwohl das Auto erst knapp vier Jahre alt ist, kann es den Strom aus der DC-Batterie nicht zurück speichern. Außerdem ist es in Deutschland erst seit Anfang 2026 erlaubt. Viele Gasheizungen sind bei uns im Baugebiet in die Jahre gekommen und gehen nach und nach kaputt. Parallel dazu sieht man nach und nach immer mehr Außengeräte von Wärmepumpen in den Gärten. In unserer Straße wurde im letzten Jahr nach 30 Jahren eine neue Hauptgasleitung verlegt. Das ist so Vorschrift. Die Bauarbeiter empfanden die Aktion als überflüssig. Nach und nach legen ja doch alle ihren Gas-Hausanschluss still. Wer eine Wärmepumpe hat, will nicht wieder zurück. Bei allen Investitionen in moderne und sinnvolle Technologien machen sich die meisten Nachbarn über das Thema Amortisation eher weniger Gedanken. Alle wollen im Winter heizen und wenn eine Heizung defekt ist, muss sie getauscht werden. Und zu Hause an der Steckdose Sonne tanken ist allemal charmanter als an der Zapfsäule teure fossile Kraftstoffe zu kaufen. Die Babyboomer sind es gewohnt „zu machen“, wenn es sinnvoll und bezahlbar ist. Letztens waren wir in einem stadtbekannten Einkaufszentrum shoppen. Dort hatten einige Autohändler aus dem Umland E-Autos verschiedener Hersteller präsentiert. Wir mussten schmunzeln. Fast alle, die sich die Autos angesehen haben oder schon einmal probeweise darin Platz genommen haben, gehörten zur Gruppe der Babyboomer. Unser Dorf wird langsam, aber sicher, CO²-frei. Die Kommune beabsichtigt in unserem Dorf ein kleines umweltfreundliches Fernwärmekraftwerk zu errichten. Diskutiert wird schon ein wenig länger darüber. Aber viele Bewohner haben keine Lust auf die Fernwärme zu warten. Außerdem sind die avisierten Heizkosten zu hoch. Die Babyboomer warten nicht darauf, dass die Politiker entscheiden. Die Babyboomer sorgen hier aktiv für die Energiewende im Gebäudebestand und in der Mobilität. Als Nebeneffekt sorgen wir auch dafür, dass diverse Betriebe in unserem Umfeld Aufträge bekommen. Das ist gut für den die arbeitende Bevölkerung, die Betriebe, die Rentenkassen, die Kommunen und den Staat. So egal ist uns die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder auch wieder nicht. Darüber hinaus produzieren wir mehr Strom, als wir selbst verbrauchen können. Der Strom muss nur genutzt und nicht wie aktuell die Überkapazitäten verschenkt oder sogar negativ verkauft werden. Eine übergroße Erwartungshaltung dem Staat gegenüber habe ich persönlich nicht. Der Staat sollte nur endlich mit Hochdruck die elektrische Infrastruktur in den Bereichen Verteilung und Speicherung im Land ausbauen. Es ist überfällig. Der Staat sollte dafür sorgen, dass Deutschland möglichst viel von unserem Strom selbst verbraucht. Es ist verrückt, wenn bei besten Windverhältnissen im Norden die Windkraftanlagen stillstehen. Von mir aus kann sich die Bevölkerung gern über die Babyboomer beschweren. Aber hinsichtlich der Energiewende machen wir Babyboomer es allen vor. Die Energiewende muss jeder in seinem privaten Bereich realisieren. Vorausgesetzt, dass es finanzierbar ist. Wenn viele mitmachen, würden wir viel erreichen.
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