In den meisten OECD-Ländern ist die Kluft zwischen Arm und Reich so groß wie seit 30 Jahren nicht mehr. Heute verdienen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung im OECD-Raum das 9,5-Fache des Einkommens der ärmsten 10 Prozent; in den 1980er Jahren lag dieses Verhältnis noch bei 7:1 und ist seitdem kontinuierlich gestiegen. Der Anstieg der allgemeinen Einkommensungleichheit ist jedoch nicht (nur) auf steigende Einkommensanteile der Spitzenverdiener zurückzuführen: Oft wuchsen die Einkommen am unteren Ende der Skala in den Jahren des Wohlstands viel langsamer und sanken in Konjunkturabschwüngen, wodurch relative (und in einigen Ländern auch absolute) Einkommensarmut in den Fokus der politischen Aufmerksamkeit rückte. In diesem Beitrag wird untersucht, ob solche Entwicklungen Auswirkungen auf die Wirtschaftsleistung haben können. Auf der Grundlage harmonisierter Daten für die OECD-Länder aus den letzten 30 Jahren legt die ökonometrische Analyse nahe, dass Einkommensungleichheit einen negativen und statistisch signifikanten Einfluss auf das spätere Wachstum hat. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kluft zwischen Haushalten mit niedrigem Einkommen und dem Rest der Bevölkerung. Dagegen gibt es keine Hinweise darauf, dass es dem Wachstum schadet, wenn sich Personen mit hohem Einkommen vom Rest der Bevölkerung abheben. Der Beitrag bewertet zudem die „Theorie der Humankapitalakkumulation“ und findet Belege dafür, dass Humankapital ein Kanal ist, über den Ungleichheit das Wachstum beeinflussen kann. Eine Analyse auf der Grundlage von Mikrodaten aus der Erhebung über die Kompetenzen von Erwachsenen (PIAAC) zeigt, dass zunehmende Einkommensunterschiede die Kompetenzentwicklung bei Personen mit einem geringeren Bildungshintergrund der Eltern beeinträchtigen, sowohl hinsichtlich des Umfangs der erreichten Bildung (z. B. Schuljahre) als auch hinsichtlich ihrer Qualität (d. h. der Kompetenzbeherrschung). Die Bildungsergebnisse von Personen aus wohlhabenderen Verhältnissen werden hingegen nicht von Ungleichheit beeinträchtigt. Daraus folgt, dass Maßnahmen zur Verringerung von Einkommensungleichheiten nicht nur zur Verbesserung der sozialen Ergebnisse, sondern auch zur Sicherung des langfristigen Wachstums verfolgt werden sollten. Umverteilungsmaßnahmen über Steuern und Transferleistungen sind ein wichtiges Instrument, um sicherzustellen, dass die Vorteile des Wachstums breiter verteilt werden, und die Ergebnisse deuten darauf hin, dass nicht zu erwarten ist, dass sie das Wachstum untergraben. Es ist jedoch auch wichtig, die Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung und bei der Bildungsqualität zu fördern. Dies bedeutet, den Fokus auf Familien mit Kindern und Jugendlichen zu legen – da in dieser Zeit Entscheidungen über die Akkumulation von Humankapital getroffen werden – und die Beschäftigung benachteiligter Gruppen durch aktive Arbeitsmarktpolitik, Kinderbetreuungsangebote und Leistungen für Erwerbstätige zu fördern.
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