Lenerl
Lenerl
8/15/2026, 10:36:21 AM

Es war nur eine dieser kurzen Storys, die zwischen zwei anderen auftauchen und gewöhnlich ebenso schnell wieder verschwinden. Ein Konzert von Kafvka in der ZORA in Halberstadt. Dann sah ich im Publikum vertraute Gesichter. Menschen, mit denen ich einen beträchtlichen Teil meiner Vergangenheit verbracht habe. Die ZORA gehörte zu dieser Vergangenheit. In den ersten Jahren war sie weniger Institution als ein Ort, an dem etwas möglich war. Es gab Konzerte und Diskussionen, politische Aktionen und ziemlich viele Abende, die sich an keinem Programm orientierten. Man saß am Lagerfeuer, redete, schwieg, redete weiter. Über Musik, Politik, darüber, wie man leben wollte und was man nicht hinnehmen wollte. Es gab Menschen, mit denen man sich nach Jahren noch an einem Blick erkennen konnte, weil irgendwann genug gesprochen worden war, um auch ohne Worte zu wissen, auf welcher Seite der Dinge der andere stand. Ganz unbeschwert war diese Zeit nicht. Bei Konzerten gab es jene Gruppen aus der rechtsextremen Szene, die man immer ein wenig im Hinterkopf behielt. Man wusste nie ganz, ob sie irgendwann auftauchen würden, mit Bomberjacken, Springerstiefeln und gelegentlich auch Baseballschlägern. Die Gewaltbereitschaft war real, und die Möglichkeit einer Konfrontation gehörte als leises Hintergrundwissen zu manchen dieser Abende. Aber sie standen am Rand. Jedenfalls erschien es uns so. Im Publikum stehen noch immer einige von damals. Menschen, von denen ich weiß, was die politischen Verhältnisse in Sachsen Anhalt ihnen inzwischen abverlangen. Menschen, die sich ihnen mit einer Beharrlichkeit entgegenstellen, die längst nichts mehr mit jugendlichem Aufbegehren zu tun hat. Sie sind geblieben, haben sich eingemischt, organisiert, widersprochen. Und manches von dem, was wir damals als hässlichen Rand der Gesellschaft wahrnahmen, ist inzwischen in ihrer politischen Mitte angekommen, mit Wahlplakaten, Fraktionen und Umfragewerten von über vierzig Prozent. Vielleicht fiel mir deshalb Kästner ein. „Ihr wollt euch noch immer nicht dran gewöhnen, gescheit und trotzdem tapfer zu sein.“ Er schrieb das 1930, in einer Republik, die bereits bedenklich knirschte und deren Bewohner noch nicht wissen konnten, was wir heute wissen. Mit historischen Analogien sollte man vorsichtig sein. Geschichte ist kein schlecht erzogenes Haustier, das immer wieder dieselben Kunststücke aufführt. Sachsen Anhalt 2026 ist nicht Deutschland 1930. Und doch ähneln sich bisweilen nicht die Zeiten, sondern die Zumutungen, die sie an den Verstand stellen. Wenige Wochen vor der Landtagswahl liegt die AfD in Sachsen Anhalt bei mehr als vierzig Prozent. Natürlich kann man sofort hinzufügen, dass Umfragen keine Wahlergebnisse sind, dass demokratische Institutionen belastbarer geworden sind und dass noch nichts entschieden ist. Alles richtig. Der Mensch besitzt eine bemerkenswerte Begabung, einem beunruhigenden Befund unverzüglich einen Trostsatz hinterherzuschicken. Kästner hatte dafür wenig übrig. Er sprach vom Zucker, den wir über die Schmerzen streuen. Seine eigentliche Zumutung besteht bis heute darin, dass er weder Optimismus noch Verzweiflung empfiehlt. Er verlangt etwas sehr viel Unbequemeres: sehen, was ist, und trotzdem nicht kapitulieren. Vielleicht hat mich deshalb der Blick in dieses Publikum mehr beschäftigt als manche Wahlprognose. Dort stehen Menschen, die keine Statistik brauchen, um zu wissen, was sich in Sachsen Anhalt verändert hat. Sie erleben es seit Jahren. Und trotzdem engagieren sie sich, widersprechen, organisieren, machen Musik, schaffen Räume, in denen eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit wenigstens für einige Stunden nicht behauptet werden muss, sondern stattfindet. Vielleicht ist das Positive, nach dem Kästners Leser so hartnäckig verlangten, ohnehin an der falschen Stelle gesucht worden. Es steckt nicht notwendig in den Verhältnissen. Manchmal steckt es ausschließlich in der Haltung zu ihnen. Gescheit sein und trotzdem tapfer. Auffällig, wie viel Hoffnung in einem Wort stecken kann, das gar keine verspricht.

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