„Aber ist das denn überhaupt wissenschaftlich?“ – „Gegenfrage: Wie willst du das denn feststellen?“ Die meisten von uns glauben, ziemlich gut zu wissen, was Wissenschaftlichkeit ausmacht. Aber was ist es genau? Eine bestimmte Methodik? Das wissenschaftliche Experiment? Eine spezifische Logik oder Rationalität? Kritik und Überprüfung durch Fachkollegen? Oder kommt Wissenschaftlichkeit durch eine bestimmte Haltung der Forschenden zustande, durch bestimmte wissenschaftliche „Tugenden“? Und welche Disziplinen sind überhaupt Wissenschaften? Ist die Medizin eine Wissenschaft? Oder ist sie eine Therapiepraxis? Oder etwas von beidem? Wie ist es mit der Rechtskunde? Und sollen Wissenschaften sich nur darum kümmern, was ist? Oder auch darum, was sein sollte? Lässt sich das überhaupt voneinander trennen? In welchen Fällen ja, in welchen nein? Und natürlich die über allem schwebende Frage: Kann man sich darauf verlassen, was die Wissenschaften sagen? Liefern die Wissenschaften DIE WAHRHEIT? An der Frage, was Wissenschaft(lichkeit) eigentlich ist, haben sich schon Generationen von Theoretikern die Zähne ausgebissen. Auch Karl Popper hat sie mit seinem Kriterium der „Falsifizierbarkeit“ nicht gelöst (Probleme z. B.: nicht isoliert testbare Hypothesen, prekäre Empirie in Geisteswissenschaften). Holm Tetens (FU Berlin) bildet einen Katalog aus fünf „Wissenschafts-Idealen“: Wahrheit, Begründung, Erklärung und Verstehen, Intersubjektivität, Selbstreflexion. Sie werden, sagt er, je nach Wissenschaft unterschiedlich realisiert: mal mehr von einem, mal mehr vom anderen Ideal. Keine Definition von Wissenschaftlichkeit, aber immerhin ein grobes Charakterisierungs-Werkzeug. Fazit: „Die“ Wissenschaftlichkeit gibt es nicht, auch nicht „das eine“ Kriterium. Wissenschaften bilden einen Cluster. Oder, wie bei Wittgenstein die Spiele, eine „Familie“ mit höchst verschiedenen Mitgliedern („Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele, usw.“). Aber einen gemeinsamen Nenner gibt es nicht. Und was zu dieser Familie gehört, was nicht, lässt sich nicht kategorisch sagen – es muss beständig ausgehandelt werden (boundary work, Thomas F. Gieryn), und wird auch teils immer strittig bleiben. Um in einer praxisrelevanten Weise zu verstehen, was die heutigen Wissenschaften sind und wie sie funktionieren, helfen alle Definitionsversuche letztlich nur recht wenig. Wer kompetent über die Wissenschaften reden und mit wissenschaftlicher Erkenntnis in Diskurs und Politik operieren will, muss sich vor allem aktiv und unmittelbar mit verschiedenen Wissenschaften befassen und mit ihnen vertraut werden. Dazu muss man nicht unbedingt selbst forschen, es helfen auch Erfahrungen aus zweiter Hand. Die sollten alles umfassen: nicht nur die Erfolge der Wissenschaften, sondern auch ihre inneren Konflikte und die Fraglichkeiten, die ihre Ergebnisse oft mit sich bringen. Mehr hier: https://mkrohs.pub/epistemic-toolkit/#wissenschaften-01 #epistemic_toolkit #permanent_preprint
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